100 Jahre am seidenen Faden
 

Das Tölzer Marionettentheater feiert in diesem Jahr einen runden Geburtstag: Vor etwas mehr als  100 Jahren begann der Tölzer Apotheker Georg Pacher, für Freunde und Bekannte in der heimischen Wohnung Vorstellungen auf einer kleinen Marionettenbühne zu geben. Als Bühnenrahmen diente ein Türstock.

Angeregt durch das Vorbild des legendären „Papa Schmid“, der zusammen mit dem nicht weniger bekannten „Kasperlgrafen“ Franz von Pocci in München das erste stehende Marionettentheater der Welt begründet hatte, zog diese kleine Bühne bald das  Interesse weiterer Kreise auf sich. So wurde als erster öffentlicher Spielort  der Saal einer kleinen Gaststätte im Bürgergarten zur Verfügung gestellt. Im November 1908 hob sich dort der Vorhang zur ersten Vorstellung.Bald schon war das Tölzer Marionettentheater aus dem kulturellen Leben im Ort nicht mehr wegzudenken. Die Erträge des kleinen Theaters kamen der städtischen Armenkasse zugute; die Mitspieler rekrutierten sich aus theaterbegeisterten und handwerklich geschickten Tölzer Bürgerinnen und Bürgern.

Gespielt wurden die bekannten Kasperlkomödien Poccis ebenso wie eigene Stücke, die von Pacher und anderen geschrieben wurden. Die kaum handgroßen Figürchen wurden mit nur 3 bis 5 Fäden regiert, eine Ausnahme war der Kasperl, der viel beweglicher als die anderen war und in der ersten Zeit stets von Pacher selber verkörpert wurde.

Das Theater überdauerte die beiden Weltkriege und die Turbulenzen der ersten Nachkriegszeit, ja sogar den viel zu frühen Tod seines Begründers Georg Pacher,  der schon 1922 mit knapp 50 Jahren plötzlich starb. Was es bedeutet, solch einen Betrieb in den wirtschaftlich harten Jahren, in denen aus Materialknappheit Kulissen-und Figurenbauen besonders schwierig war, zu erhalten, kann man heute kaum noch ermessen.

Im März 1952 hätte die Geschichte des Tölzer Puppenspiels  beinahe ein jähes Ende gefunden, denn das Gebäude im Bürgergarten drohte einzustürzen. Risse in den Mauern und eine Bodensenkung zeigten sich, in aller Eile wurde der unersetzliche Fundus gerettet. Eine Unterspülung durch einen Wassereinbruch in einen weit unter dem Gebäude befindlichen Bunker hatte die Mauern nachgeben lassen. Wenige Tage später war klar: Das Gebäude ist nicht zu retten. Für jede andere Bühne hätte der Verlust des angestammten Spielortes  das sichere Aus bedeutet.

Und nun begann der zweite Abschnitt der Geschichte des Tölzer Marionettentheaters, eigentlich ein kleines Wunder: Innerhalb kürzester Zeit wurde auf dem damals brach liegenden Schloßplatz ein neues schmuckes Theatergebäude errichtet, mit tatkräftiger Mithilfe der Spielergruppe, von Tölzer Bürgern und vielen Geld-und Sachspenden. Natürlich gab auch die offizielle Seite, Stadtrat und städtische Verwaltung, ihren Segen und half nach Kräften mit.

Am 12. Juli 1953 eröffnete das neue Theater mit einer Festvorstellung seinen Spielbetrieb am heutigen Standort.

 

Bald zeigte sich jedoch, dass für den Betrieb im neuen Haus vor mehr Zuschauern sowohl die alten Figuren als auch die Maße der Bühne zu klein waren. So wurde auch hier ein Neuanfang gewagt: Mit tatkräftiger Hilfe der damals zwar auch noch in den Kinderschuhen steckenden, aber doch schon bekannten „Augsburger Puppenkiste“ wurde die Bühne erweitert. Zwei Spielerbrücken wurden errichtet, ein geräuschlos auf Gummirädern in Schienen fahrender Bühnenwagen ermöglichte schnelle und beinahe augenblickliche Szenenwechsel.

Die Figuren wurden vergrößert und die Länge der Fäden auf 2. 70 m erhöht. Damit waren die Puppenspieler dem Szenenwechsel unten auf der Bühne nicht länger im Weg. Dieselbe Technik wird heute auf beinahe allen Bühnen dieser Art verwendet.

Auch der Stil des Theaters erfuhr einen Wandel: Von der reinen Imitation des menschlichen Theaters hin zu einer mehr abstrahierenden, das Wesen der Marionette stärker  betonenden  Gestaltung.

Wegbereiter dieser Entwicklung war der  Bühnenbildner und Grafiker OSKAR PAUL. Aus dem Krieg zurückgekehrt, verschlug es den jungen Infanteristen nach Bad Tölz, weil seine Eltern dem Bombenkrieg in München entflohen waren und dort Zuflucht gefunden hatten.

Der Schüler des Münchner Theaterwissenschaftlers Arthur Kutscher hatte seine Ausbildung bei dem berühmten Bühnenbildner Emil Preetorius abgeschlossen. Zufällig führte ihn sein Weg ins Tölzer Marionettentheater, und er erkannte, daß die kleine Bühne ein ungeahntes Potenzial bot: Hier konnte er sich verwirklichen und dem erträumten Gesamtkunstwerk, bei dem Szenenbild und Figuren eine Einheit bilden, näherkommen.  Oskar Paul wurde schnell zum künstlerischen Leiter des Theaters und führte es in der Zeit von 1955 bis in die Neunzigerjahre zu einer Höhe, von der die Gründer nur hatten träumen können. Unter seiner Leitung wurde die kleine Bühne zu einem der wichtigsten deutschen Figurentheater.

In den 80er und 90 er Jahren zeigte sich jedoch auch, dass die bisherige Struktur des Hauses nicht tragfähig für die Zukunft war: Immer weniger ehrenamtliche Mitarbeiter meldeten sich, und die geringe Zahl von nur 30 jährlichen Aufführungen war für das schöne Theater viel zu gering. Denn inzwischen rekrutierte sich ja das Publikum nicht mehr nur aus Einheimischen, sondern immer mehr  aus Touristen und Kurgästen. Oskar Paul erkrankte 1997  und verstarb nach schwerer Krankheit 1999.

Als kommissarischer Leiter wurde der Schauspieler und Theaterpädagoge Mirtan Teichmüller von der Stadt eingesetzt. Daraufhin begann eine turbulente Periode: Das ehrenamtliche Ensemble beendete sein Engagement wegen der von Teichmüller vorgeschlagenen Modernisierung in Spielplan und Theaterbau. Auf der anderen Seite konnte Teichmüller die Unterstützung der beiden professionellen Puppenspieler A. Maly-Motta und K.-H. Bille gewinnen und mit diesen in kurzer Zeit ein neues Ensemble aufbauen sowie erforderliche Umbauten auf der Bühne in die Wege leiten. Bei vielen der neuen Aufführungen wurde erstmals seit fast 40 Jahren wieder live gesprochen und musiziert, und das Publikum honorierte dies mit steigenden Besucherzahlen. Aber es wurden in diesen stürmischen Jahren des Umbruchs zu viele alte Zöpfe abgeschnitten, so dass sich die Wege Teichmüllers und der Stadt nach drei Jahren wieder trennten. Maly-Motta und Bille  schlugen der Stadt daraufhin vor, das Theater in Zukunft als Privatbetrieb in dem von der Gemeinde gepachteten Haus fortzuführen, ganz ähnlich dem Modell des Münchner Marionettentheaters. Die Stadt ging auf diesen Vorschlag ein und so übernahmen Maly-Motta und Bille das Haus im Mai 2000.

Viel war zu tun: es galt das neue Ensemble weiter aufzubauen, alte im Fundus befindliche Stücke zeitgemäß zu renovieren und neue Wege einzuschlagen, damit das Theater auch im 21. Jahrhundert weiterbestehen konnte. Hierzu gehörte auch eine Generalüberholung der doch sehr in die Jahre gekommenen Bühnentechnik.

Mit dem Schweizer Figurenbauer Pierre MONNERAT konnte ein international bekannter Künstler für die Figurengestaltung gewonnen werden, der auch im weltbekannten Salzburger Marionettentheater seit mehr als 10 Jahren sämtliche Figuren geschaffen hat.

Orffs Oper „Die Kluge“ war die erste Zusammenarbeit mit Monnerat. Für das 100ste Jubiläum folgte der   bayrische Klassiker „Der Brandner Kaspar und das ewig' Leben“ in der von KURT WILHELM geschriebenen Fassung, die Premiere war im November 2008 zum 100sten Jubiläum des Theaters, das glanzvoll mit einer Festwoche begangen wurde.

Das Theater beschreitet nun neue Wege in gestalterischer Hinsicht. Für die Science-Fiction-Inszenierung „Der Kristallplanet“ wurde erstmals eine Mischung aus Computeranimation und Puppentheater gefunden, die bundesweit Aufsehen erregt hat. Das Marionettentheater muß gegen die Konkurrenz von Film, Fernsehen und Cmputer bestehen und daher zu einer neuen Bildsprache finden, ohne die traditionellen Wege ganz zu verlassen. Dieser Herausforderung stellen sich die beiden Theaterleiter, nachdem nun der grundlegende Wiederaufbau von Team, Repertoire und Bühne überstanden ist.

Am 22. Juni wird das Theater mit dem „Grünen Wanninger“ ausgezeichnet, das ist ein Kulturpreis, der von der Fraktion der Grünen im bayrischen Bezirkstag ausgelobt wurde.

 ©  Albert Maly-Motta, März 2009

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